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Stress beim Hund

Autorenbild: Rückenwind Team
Rückenwind Team
3. Aug.
6 Min. Lesezeit

Die Evolutionäre Bedeutung von Stress

Stress ist ein überlebenswichtiger biologischer Schutzmechanismus, der sich im Laufe der Evolution entwickelt hat und sowohl bei Menschen als auch bei Tieren vorkommt. Er ermöglicht es dem Organismus, auf potenzielle Bedrohungen oder veränderte Umweltbedingungen innerhalb kürzester Zeit zu reagieren und sich vorübergehend an erhöhte Anforderungen anzupassen. Stress dient somit der Sicherung des Überlebens und ist grundsätzlich eine normale und notwendige Reaktion des Körpers. Nicht jede Form von Stress ist dabei negativ. Auch das Erlernen neuer Fähigkeiten oder die Anpassung an neue Situationen kann eine kurzfristige Stressreaktion auslösen. Dieser als Eustress bezeichnete „positive Stress“ unterstützt Lern- und Anpassungsprozesse und kann die Leistungsfähigkeit vorübergehend steigern (vgl. Mehl, 2021, S. 204–210; O'Heare, 2021, S. 30–34).

Die evolutionäre Bedeutung von Stress zeigt sich insbesondere in der sogenannten Kampf-oder-Flucht-Reaktion („fight or flight“). Durch die Aktivierung verschiedener Hirn- und Hormonsysteme wird der Organismus innerhalb weniger Sekunden in einen Zustand höchster Alarm- und Handlungsbereitschaft versetzt. Dadurch kann schnell auf eine potenzielle Gefahr reagiert werden (vgl. Mehl, 2021, S. 204–210; O'Heare, 2021, S. 30–34).

Die physiologischen Veränderungen werden vor allem durch den Hypothalamus eingeleitet, der über das sympathische Nervensystem sowie die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse die Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol auslöst. Diese Hormone erhöhen unter anderem Herzfrequenz, Blutdruck und Blutzuckerspiegel, beschleunigen die Atmung und verbessern die Durchblutung der Muskulatur. Dadurch stehen dem Organismus innerhalb kurzer Zeit mehr Sauerstoff und Energie zur Verfügung, sodass Flucht- oder Kampfreaktionen effizient ausgeführt werden können. Gleichzeitig wird die Schmerzempfindlichkeit vorübergehend reduziert, wodurch der Organismus auch bei Verletzungen handlungsfähig bleibt (vgl. Mehl, 2021, S. 204–210; O'Heare, 2021, S. 30–34).

Um möglichst viele Ressourcen für das unmittelbare Überleben bereitzustellen, werden während einer akuten Stressreaktion weniger lebenswichtige Körperfunktionen vorübergehend heruntergefahren. Hierzu zählen unter anderem Verdauungsprozesse, die Aktivität von Magen, Darm und Harnblase sowie Fortpflanzungsfunktionen. Die freiwerdende Energie kann stattdessen für die Bewältigung der akuten Belastung genutzt werden (vgl. Mehl, 2021, S. 204–210; O'Heare, 2021, S. 30–34).

Unter natürlichen Bedingungen sind Stressreaktionen in der Regel nur von kurzer Dauer. Sobald die auslösende Situation bewältigt ist, kehrt der Organismus wieder in seinen Normalzustand zurück. Problematisch wird Stress erst dann, wenn Belastungen über einen längeren Zeitraum bestehen oder Erholungsphasen fehlen. Chronischer Stress kann sowohl bei Menschen als auch bei Tieren zu weitreichenden gesundheitlichen Folgen führen und unter anderem das Immun-, Hormon- und Nervensystem beeinträchtigen. Darüber hinaus erhöht ein dauerhaft erhöhter Stresspegel das Risiko für Verhaltensauffälligkeiten wie Angst, erhöhte Reaktivität, Impulsivität oder aggressives Verhalten (vgl. Mehl, 2021, S. 204–210; O'Heare, 2021, S. 30–34).


Stress

Stress entsteht, wenn ein Organismus mit Anforderungen konfrontiert wird, die eine Anpassung oder Veränderung erfordern. Wie Lindsay (2000, S. 109) beschreibt, entsteht Stress beim Hund, wenn von ihm eine Anpassungsleistung an bestimmte Anforderungen erwartet wird. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass Stress nicht grundsätzlich negativ ist. Der Begriff beschreibt zunächst lediglich die körperliche und psychische Reaktion des Organismus auf veränderte innere oder äußere Bedingungen.

Stress kann durch vielfältige biologische oder psychische Anforderungen ausgelöst werden. Dazu zählen beispielsweise Veränderungen der Umwelt, soziale Konflikte, körperliche Belastungen oder nicht erfüllte Grundbedürfnisse. Der Körper reagiert darauf mit dem Ziel, ein Gleichgewicht innerhalb des Organismus aufrechtzuerhalten beziehungsweise wiederherzustellen. Stress ist somit als Anpassungsprozess zu verstehen, bei dem ein Reiz wahrgenommen, verarbeitet und anschließend eine entsprechende körperliche Reaktion ausgelöst wird (vgl. Mehl, 2021, S. 200-205).

Dabei wird zwischen Eustress und Disstress unterschieden. Eustress beschreibt kurzfristige und bewältigbare Belastungen, die eine Anpassung ermöglichen und sogar positive Auswirkungen haben können, beispielsweise durch Lernprozesse oder die Entwicklung neuer Fähigkeiten. Disstress hingegen entsteht, wenn die Anforderungen die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten des Organismus übersteigen. In solchen Situationen wird Stress als belastend erlebt und kann negative Auswirkungen auf Verhalten und Gesundheit haben. Wird ein Stressor als bedrohlich oder aversiv wahrgenommen, können typische Schutzreaktionen wie Flucht-, Vermeidungs- oder Abwehrverhalten ausgelöst werden (vgl. O’Heare, 2021, S. 30-35).

Stress beschreibt somit „jegliche Belastungen, die den Organismus zu Anpassungsleistungen zwingt“ (Mehl, 2021, S. 201). Während einer Stressreaktion werden körperliche Ressourcen gezielt für die Bewältigung der aktuellen Herausforderung bereitgestellt. Prozesse, die für das unmittelbare Überleben weniger relevant sind, werden dabei vorübergehend zurückgestellt. Dazu zählen unter anderem Verdauung, Fortpflanzungsverhalten und teilweise auch die Nahrungsaufnahme, da die vorhandene Energie zunächst für die Bewältigung der Belastungssituation benötigt wird.

 

Disstress

Disstress beschreibt einen Zustand, in dem ein Organismus nicht mehr in der Lage ist, eine belastende Situation ausreichend zu bewältigen, da die verfügbaren körperlichen und psychischen Ressourcen erschöpft oder nicht ausreichend vorhanden sind. Nach Moberg (2000) werden bei anhaltender Belastung Ressourcen, die ursprünglich für andere lebenswichtige Funktionen vorgesehen sind, zugunsten der Stressbewältigung umgeleitet und durch die anhaltende Stressreaktion verbraucht.

Die dauerhafte Beanspruchung dieser biologischen Ressourcen kann erhebliche negative Folgen für den Organismus haben. Mögliche Auswirkungen sind beispielsweise eine eingeschränkte körperliche Entwicklung, vermindertes Wachstum, eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit oder weitere gesundheitliche Beeinträchtigungen. Langfristig führt chronischer Disstress somit zu einer Verschlechterung des körperlichen und psychischen Wohlbefindens (vgl. Moberg, 2000; O’Heare, 2021, S. 31-35).

Die individuelle Anfälligkeit für Disstress ist jedoch nicht bei allen Tieren gleich ausgeprägt. Neben Umweltbedingungen spielen auch genetische Faktoren eine Rolle. Vererbte Unterschiede in der Funktionsweise des limbischen Systems und des vegetativen Nervensystems können beeinflussen, wie empfindlich ein Individuum auf belastende Reize reagiert (vgl. Lindsay, 2000, S. 185).

Lindsay (2000, S. 185) beschreibt, dass manche Individuen aufgrund ihrer genetischen Ausstattung eine stärkere parasympathische Regulation aufweisen und dadurch ruhiger, ausgeglichener und weniger reaktiv auf Belastungen reagieren. Andere Individuen zeigen hingegen eine stärkere Aktivierung des sympathischen Nervensystems und reagieren empfindlicher auf bedrohliche Reize. Sie können schneller in Zustände von Schreck, Erstarren, Kampf- oder Fluchtverhalten gelangen, intensivere emotionale Reaktionen zeigen und länger in negativen Erregungszuständen verbleiben. Dadurch besteht eine erhöhte Anfälligkeit für stressbedingte Verhaltensauffälligkeiten und psychosomatische Erkrankungen (vgl. Lindsay, 2000, S. 185; O’Heare, 2021, S. 31-35).

 

Akute Stressreaktion

Bei akuten Stressreaktionen erhält die Amygdala eine Menge von Informationen. Es wird Adrenalin ins Blut ausgeschüttet und der Herzschlag wird schneller, wodurch das Blut zu den Muskeln gepumpt wird und gleichzeitig weg von anderen Organen. Dies hat den simplen Grund, den Körper auf eine Kampf- oder Fluchtsituation vorzubereiten. Im Gehirn, genauer im präfrontalen Kortex komm es zur hohen Ausschüttung von Noradrenalin und Dopamin, wodurch die „einwandfreie Funktion“ des Präfrontalen Kortex kurzzeitig eingeschränkt wird. Wie schon erwähnt, finden in diesem Bereich des Gehirns Lern- und höhere Denkprozesse statt. Außerdem ist er auch verantwortlich für das Abrufen früherer Lernerfahrungen, für die Impulskontrolle und die Reaktionshemmung. Durch die erhöhte Neurotransmitter Aktivität wird die bewusste Verarbeitung von Reizen für den Hund sehr schwierig, bereits gelerntes kann schlecht oder überhaupt nicht mehr abgerufen werden und früher erlernte Bewältigungsmechanismen sind meist nicht mehr zugänglich. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Hund Flucht- oder Abwehrverhalten zeigt. (vgl. O’Heare, 2021, S.33)

„Der Körper ist in voller Alarmbereitschaft. Das wäre gut, wenn es sich tatsächlich um einen Ernstfall handeln würde, doch meist ist das nicht der Fall. […] Die akute Stressreaktion fordert einen hohen Tribut von den Hunden“ (O’Heare, 2021, S. 33).

Durch diesen Einblick in die Funktion des Körpers in Stressreaktionen, kann nun auch darauf geschlossen werden, dass es in vielen Fällen keine Verhaltensänderungen bzw. Verbesserungen zur Folge hat, wenn ein Hund stressige Situationen „aushalten muss“, da Lernen in einer hohen Stresslage eben nur erschwert oder nicht möglich ist. Sinnvoller scheint es zu sein, einen individuellen, passenden Abstand zum Reiz zu wählen, bei dem das Tier auch noch in der Lage ist zu Differenzieren und zu Lernen.

 

Chronische Stressreaktion

Bei chronischem Stress wird über längeren Zeitraum ein Notfallstatus im Körper aufrechterhalten. Durch die anhaltende Reaktion des Körpers werden wertvolle Ressourcen verbraucht, die dann wiederrum nicht mehr für andere Funktionen zur Verfügung stehen und in weiterer Folge negativen Einfluss auf Gesundheitsfunktionen des Tieres haben kann und unter anderem das Immunsystem negativ beeinflussen können, sodass die Tiere anfälliger für Krankheiten sind (vgl. O’Heare, 2021, S.33-34).

„Dauert der Stress weiter an, führt der daraus resultierende Erschöpfungszustand zu einem gestörten Schlafrhythmus, zu Schwierigkeiten klar zu denken, zu einer gestörten rationalen Aktivität, zu Schmerzüberempfindlichkeit und zu mangelnder Fähigkeit, Belohnung oder Freude zu empfinden.“-Auswirkungen, wenn Disstress länger andauert (O’Heare, 2021, S.34)

Was genau passiert dabei im Körper? – Der Schlaf-/Wach-Rhythmus wird durch die Speicherung und Umwandlung von Serotonin zu Melatonin und zurück zu Serotonin, kontrolliert. In diesem Prozess sind auch Körpertemperaturregulierungsmechanismen, Cortisolspiegel und in weiterer Folge der Verlauf der Schlafphasen abhängig. Cortisol ist bekannt als das Stressbekämpfende Hormon. Wird dieses ausgeschüttet und Stress über längere Zeit andauert, werden NE, Dopamin und Serotonin kontinuierlich abgebaut. Durch die Reduzierung wird die Endorphinaktivität gehemmt (Endorphine sind natürliche Schmerzstiller im Körper.), der Energiehaushalt des Hundes aus dem Gleichgewicht gebracht und der Energieverbrauch heruntergefahren (vgl. O’Heare, 2021, S.33-34).

 
 
 

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